Heilend

Gabrielle Roth hat uns LehrerInnen in der Ausbildung ständig daran erinnert, dass es bei den 5 Rhythmen um viel mehr geht als nur ums Tanzen. So oft hat sie uns in ihren Teachings diesen einen Satz ans Herz gelegt:

„All das Tanzen ist Bullshit, wenn wir es nicht raus auf die Strasse bringen.“Gabrielle Roth


Er lässt mir keine Ruhe, und so fordere ich mich immer wieder heraus, an allen möglichen und unmöglichen öffentlichen Plätzen meines Alltaglebens für ein paar Momente zu tanzen: Beim Einkaufen in der Migros lässt sich mein Einkaufswagen schnell als wunderbarer Tanzpartner umfunktionieren. Beim Warten am Bahnhof verführe ich mich manchmal selbst mit meiner Lieblingsmusik aus dem Handy zu ein paar befreienden tanzenden Bewegungen am Bahnsteig. Kürzlich hat mich die strahlende Sonne auf einem Weihnachtsmarkt in einen richtigen Glückszustand versetzt, und ich konnte nicht anders, als mich in ein weiches Flowing fallen zu lassen und mich tanzend durch die Glühwein trinkende und palavernde Menschenmenge zu schlängeln. Sehr schnell haben mich aber ein paar irritierte Reaktionen der Umstehenden an meine Verletzlichkeit erinnert. Und schwupps bin ich aus Angst schnell wieder in den sicheren Normalzustand zurückgekehrt und habe mich wieder in die Reihe der talking heads um mich herum eingegliedert. Aber je öfters ich solche verrückten Ausfälle habe, desto deutlicher wird mir, wie hoch der Preis ist, den ich für diese vermeintliche Alltags-Sicherheit bezahle. Meinen Körper und seine Gefühle in einer Welt von schlafwandelnden wunderschönen Körpern gefangen zu halten, ist wahrlich nicht das Leben, für das ich in diesen Körper gekommen bin.

Ein Ereignis hat mir auf der Suche nach meiner eigentlichen Bestimmung in diesem Leben, eine klare Richtung gezeigt. Vor zwei Monaten hat meine Mutter mit 87 Jahren ihren Körper verlassen. Sie war die längste Zeit meines Lebens wohl der einflussreichste und wichtigste Mensch für mich gewesen. Ihr Tod hat eine ungeahnte Welle an Gefühlen, vor allem an Trauer in mir ausgelöst, der ich beim besten Willen nicht mehr ausweichen konnte. Wie froh und dankbar war ich da, an den Anlässen meiner LehrerkollegInnen zum Tanzen gehen zu können. Da brauchte es manchmal nur ein melancholisches Musikstück und sofort quollen die Tränen hemmungslos aus mir heraus. Am Anfang hatte ich noch Angst, ich könnte für immer in dieser Trauer versinken. Aber das Gegenteil war der Fall: Es war, als ob jede dieser Tränen mich von den vielen Verstrickungen freiwaschen wollte, in denen ich mich mit meiner Mutter zu ihren Lebzeiten gefangen fühlte. Selten konnte ich meine Liebe zu ihr so deutlich spüren wie in diesen Momenten des Weinens. Und meistens landete ich nach einem Kochwaschgang voller Tränen an einem Ort stiller und selten so intensiv verspürter Glückseligkeit. Dort empfand ich mit unverrückbarer Gewissheit, dass nichts an unserer Beziehung selbst in ihren dunkelsten Stunden jemals falsch war. Im Gegenteil: ich bekomme eine Ahnung davon, dass vielleicht sogar die vielen Auseinandersetzungen und scheinbaren Verletzungen mich auf kaum verstehbare Weise am stärksten an meine eigentliche Lebensaufgabe erinnert haben, zu der ich mich heute so klar berufen fühle: als heilender Krieger für mich und für andere zu wirken. Als würden sich aus all den vielen Wunden, die wir uns zugefügt haben, zunehmend die eigentlichen Stärken und Qualitäten eines heilenden Kriegers entwickeln, mit denen ich heute wuchern darf.

Seit dem Tod meiner Mutter erlebe ich beim Tanzen an den 5 Rhythmen-Anlässen meiner LehrerkollegInnen mit die schönsten Heilduschen an Inspiration, Lebensfreude, Spiel, Mitgefühl, Intuition und frischer Energie. Und gerade weil ich mich in meinem Alltag so oft noch von meinem Körper und seinen Gefühlen abgespalten erlebe, wirken diese heilenden Tanzerfahrungen so unglaublich stark. Dann empfinde ich eine unbändige Freude daran, als 5 Rhythmen-Lehrer mit meinen eigenen Qualitäten diesen Heilungsraum auch für andere anzubieten. Dort brauchen wir die eigenen Verletzungen nicht mehr mit einem Dauerlächeln, vielem Reden oder einem ständigen Aktionismus überspielen. Je mehr wir den Mut haben, in Gemeinschaft mit anderen unsere Wunden anzuerkennen, mit ihnen in Bewegung zu bleiben und sie zu zeigen, desto stärker wächst das Mitgefühl und die tiefe Wertschätzung der anderen, die davon Zeuge sein dürfen. In dieser tanzenden Heilsgemeinschaft können sich unsere Wunden in Perlen verwandeln. In den Heartbeat-Workshops erforschen wir all die Gefühle, die mit der Heilung unserer Wunden entstehen. Dazu gehören Angst, Schmerz und Trauer genauso dazu wie die unbändige Freude, die aus einer durchlebten Trauer entstehen kann.

Selbst wenn wir für solche Heilung noch einen sicheren Rahmen brauchen und in den Workshops eine Art „Scheinwelt“ kreieren, die so anders ist als die Gefängnis-Alltagswelt, können diese heilende Oasen eine enorm revolutionäre Wirkung entwickeln. Wer mit solchen Wunden erleben darf, wie sich der eigene Körper aus reiner Freude an Bewegung zu den schönsten Ausdrucksformen verführen lässt, oder wie Menschen im lustvollen Tanzen innerhalb kürzester Zeit sich in einer unglaublich kreativen und verspielten Vielfalt begegnen können, in dem wächst auch die Entschiedenheit, dieses geheimnisvolle Spiel von Heilung hinaus auf die Strasse zu bringen. Und das wird womöglich eine grössere Revolution anzetteln, als es alle Wahlen und Politiker bewirken können, auf deren Veränderungspotenzial wir so lange vergeblich gehofft haben.

In diesem Sinne wünsche ich Euch ein revolutionäres neues Heilungsjahr im 2017 und freue mich, mit meinen Angeboten beitragen zu dürfen.

Andreas