Zeit vertröndelt

Kleinkind streckt einem Vogel Futter hin

Persönlicher Rückblick auf 9 Monate Auszeit.
Hinter mir liegen neun Monate Auszeit ohne die 5 Rhythmen, ohne Arbeit, ohne feste Tagesstruktur und ohne den alltäglichen Stress, den wir uns so gerne machen, wenn es ums Geld verdienen geht. Ich hatte geahnt, dass sich in dieser Zeit vieles verändern würde, allerdings nicht in dieser Heftigkeit. Schon zu Beginn wurde so ziemlich alles in Frage gestellt, was ich in den vergangenen Jahren aufgebaut hatte. Beziehungen gingen auseinander, ich bin aus einem mit viel Illusionen verknüpften schönen Haus ausgezogen, und es verging kein Tag, an dem ich nicht mein ganzes berufliches Tun in irgendeiner Form in Frage gestellt hätte.

Da blieb erst mal kein Stein auf dem anderen. Ich war wie besessen davon, meinem Leben eine ganz neue Ausrichtung geben zu müssen. Mit den heftigsten Stress machte ich mir, indem ich glaubte, etwas ganz Wichtiges und Sinnvolles mit dieser vielen freien Zeit machen zu müssen, die vor mir lag. So viele Workshops wollte ich machen, auf Reisen gehen, Freunde besuchen und Beziehungen pflegen, für die ich nie wirklich Zeit hatte. Und natürlich wollte ich endlich mal was richtig Gutes für meinen Körper und meine Gesundheit tun. Ich hab mächtig viel von mir abverlangt und natürlich auch viele dieser sinnvollen Dinge gemacht, von denen man ja auch gerne am Ende eines Urlaubs erzählt.

Jetzt erst gegen Ende meines Sabbaticals dämmert mir, dass der eigentliche «Erfolg» dieser Zeit in etwas ganz Anderem bestand: Ich hab es trotz der vielen Vorhaben in meinem Kopf zunehmend geschafft, sinnlos in den Tag hineinzuleben, ohne dass dabei etwas Gescheites herausgekommen wäre. Und hab dafür einen eigenen Ausdruck gefunden: «vor mich her tröndeln». Anfangs bedeuteten diese Tröndel-Tage die pure Hölle für mich. Was hatte ich für ein schlechtes Gewissen, wenn ich nach 9 Uhr aus dem Bett kroch und keinen blassen Schimmer hatte, was ich mit dem Tag anfangen sollte. Da war eine schiere Angst vor dieser unmittelbaren und ungeschminkten Begegnung mit mir selbst. Ich flüchtete mich schnell in irgendwelche Ablenkungen und entwickelte ein Suchtverhalten, das mich nur noch depressiver werden liess. Gottseidank konnte ich auch mit den vielen Versagergefühlen immer wieder für mich allein tanzen: Da machte sich zunehmend ein tiefer Schmerz breit, den ich nie wirklich fühlen wollte. Ich konnte mit dem ganzen Körper spüren, wie ich ein Leben lang vor mir selbst weg gelaufen bin, indem ich mich mit Arbeit zudeckte, und alles dafür gab, um erfolgreich, anerkannt und wohlhabend zu sein. Was hab ich mich verbogen und mich selbst und andere betrogen, um die Illusion einer glücklichen Beziehung führen zu können oder von ganz vielen Menschen geliebt zu werden. Mit meinem liebevollen Dauerlächeln konnte ich die darunter liegende Einsamkeit nach aussen hin perfekt verbergen. Das zwecklose Tanzen brachte allmählich den ungeweinten See von Tränen in Bewegung puttygen , der sich in diesem Selbstverrat angestaut hatte. Je hemmungsloser sie fliessen durften, desto friedvoller wurde es in mir. Neben der tiefen Trauer wurde ich auch von einer ungeahnten Freude an mir selbst überrascht. Es war, als würde ich anfangen einen fremden und verwahrlosten Andreas in mir kennen zu lernen, den ich wie einen ungeliebten Flüchtling immer wieder ausgesperrt habe, um ja nicht mein schönes Selbstbild zu gefährden, das ich von mir gemacht hatte. Mit die schönste Erfahrung war, dass ich mit diesem neuen Andreas die einfache Stille, das simple Atmen und das Nichts-Tun als einen puren Genuss erleben durfte. Inzwischen ist es fast schon eine genussvolle Gewohnheit geworden, die erste Stunde nach dem Aufwachen entspannt und wach im Bett liegen zu bleiben, bewusst zu atmen und einfach nur meinen Körper zu fühlen. Dass das Paradies so nah und umsonst sein kann, hätte ich vorher niemandem geglaubt.

Die Heilung, die ich in den sinnlosen und einsamen Tröndel-Erfahrungen machen durfte verändert mein Wirken als 5 Rhythmen-Lehrer: Meine Lust auf Erfolg, Anerkennung und viel Geld ist geringer geworden. Ich werde nicht mehr so lieb und nett wie sonst alle Bedürfnisse von Menschen befriedigen. Im Respektieren meiner Grenzen erscheint mir meine eigentliche Berufung als 5 Rhythmen-Lehrer in einem neuen Licht. Am besten kann ich diese mit den Worten umschreiben, die mir mein Freund und 5 Rhythmen-Lehrer Jonathan Horan mit auf den Weg gegeben hat:

«Ich bin ein heilender Krieger für mich und für andere, im Dunkel und im Licht»Jonathan Horan

.
Was sich ganz konkret verändert:
Weniger ist mehr: Ich werde mich von vielen Anlässen trennen, in denen ich mit viel innerem Stress ein Selbstbild von mir aufrecht erhalten, habe, das nicht mehr zu mir passt. Das sind insbesonders die «Kirche tanzt»-Anlässe in der Offenen Kirche St. Jakob in Zürich. Das tut erst mal vielen von Euch weh. Es gibt aber auch die gute Nachricht, dass diese Anlässe von Wolfgang Ortner weitergeführt werden, wenn auch anders als wie bisher. Viele von Euch kennen ihn bereits über seine Stellvertretungen meiner Anlässe in Winterthur. Ich werde zusammen mit Wolfgang die letzten fünf bereits im Vorjahr fixierten Termine im November und Dezember durchführen. Es wird mein Abschied vom Kirchenraum sein.

An den „Sweat your prayers“ Mittwochabenden und den „Sunday-Prayer-Waves“ in Winterthur werde ich weiter präsent sein, wenn auch in geringerer Dichte. Mich hat enorm gefreut, wie diese Anlässe, die von sechs vertretenden LehrerInnen auch in meiner Abwesenheit weiter geführt wurden, von vielen von Euch im Winterthurer Tanztribe regelmässig besucht worden sind. Da hat sich in den vergangenen 15 Jahren eine selbständige Tanzgemeinschaft gebildet, die keine feste Führerfigur mehr braucht. An dieser Stelle ein tiefes Dankeschön an Euch Dagmar, Beatrice, Gabriella, Eva, Monika und Wolfgang, die Ihr diesen 5 Rhythmen-Anlässe mit Eurer ganz eigenen Originalität geleitet habt und leiten werdet. Eure Vielfalt und Originalität wird durch Eure Präsenz auch weiterhin wirken. Ein fettes Danke möchte ich auch all den HelferInnen zujubeln, die während meines Sabbaticals für die Organisation, Infrastruktur und Durchführung der Anlässe zuständig waren, ganz besonders an Martin Küng, der an allen Anlässen während meiner Auszeit treu und tatkräftig als Mann für alles im Hintergrund tätig war.

Ein besonderes Anliegen sind mir die Workshops, in denen die Essenz der 5 Rhythmen am stärksten zum Vorschein kommt. In kommendem Jahr werden es erst mal weniger sein, weil es Zeit und Aufmerksamkeit braucht, um in einen neuen Leitungsstil hineinzufinden. Ich beginne mit dem traditionellen Sonnwendworkshop «Tanz ins Licht» zum Ende des Jahres auf der Schweibenalp. Dieser ist bereits auch auf der Website aufgeschaltet.

Ebenfalls wird die Website von tanzdichganz.ch ein neues Gesicht bekommen. Das wird allerdings noch seine Zeit dauern, ich brauch noch etwas Tröndel-Zeit;-)

Während meiner Auszeit habe ich festgestellt, dass die individuellen Kontakte zu einzelnen TänzerInnen über Telefonate, Gespräche und Email enorm viel Zeit und Aufmerksamkeit beanspruchen. Auch da muss ich neue Grenzen setzen und werde deshalb nicht mehr alle persönlichen Anfragen, Anliegen und Emails beantworten können. So weiss ich, dass beispielsweise so ein persönlicher Newsletter auch sehr viele persönliche Reaktionen hervorrufen kann. Das ist ja auch mein Anliegen. Ich freue mich auch über Feedbacks bitte jedoch um Verständnis, falls keine persönliche Antwort darauf von mir erfolgt. Meine Hauptaufgabe als 5 Rhythmen-Lehrer sehe ich darin, die Energien für eine Gemeinschaft von Menschen in körperzentrierte heilende Bahnen zu lenken und darin auch ein Vorbild zu sein. Ich kann dafür allerdings nicht wie ein Seelsorger in persönliche und individuelle Kontakte einsteigen.

Ich freue mich auf eine heilende neue Tanzdichganz-Zeit

Andreas

Ansicht der alten Website

Website tanzdichganz.ch bis Februar 2016
Website tanzdichganz.ch bis Februar 2016

 

Tanz dich ganz in der Kirche Sankt Jakob

Zeitraffer-Video des „Kirche tanzt“-Anlasses von Andreas Tröndle.

Produziert von Konrad Seidel